Gez Kahan beschreibt den Weg der Yamaha Commercial Audio Abteilung von einer internen Problemlösung hin zum Marktführer.
Willst Du etwas ordentlich machen, mach es selber, sagt man. Dies erklärt in wenigen Worten, wie Yamahas Commercial-Audio-Abteilung ins Leben gerufen wurde. Und schaut man heute auf die geschmeidige digitale Schönheit eines M7CL-Pultes, mag man kaum glauben, dass auch der Zufall an der Entwicklung beteiligt war. Hätte es nämlich 30 Jahre früher keinen Mangel an bezahlbaren Alternativen gegeben, wäre die Firma wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen, den professionellen Audio-Markt zu erobern.

"Damals in den frühen 70ern wuchs unser Geschäft mit Musikinstrumenten schnell - und mit ihm die Größe unserer Werbe-Veranstaltungen in Japan", erklärt Seiichi Miyawaki, General Manager von Yamahas Commercial-Audio-Abteilung. "Rockmusik wurde immer beliebter und das Vorhandensein möglichst vieler Inputs immer wichtiger. Wir brauchten also auch entsprechend große Beschallungsanlagen, um diesen Erfordernissen gerecht zu werden."
Das Angebot in diesem Bereich war jedoch leider äußerst überschaubar. Die moderne Beschallungsbranche steckte noch in den Kinderschuhen - und die wenigen erhältlichen spezialisierten PA-Konsolen waren extrem teure Imports, die durch ungünstige Wechselkurse noch unerschwinglicher wurden. "Die logische Konsequenz für unsere Ingenieure war, selbst Geräte zu entwickeln. Zunächst bauten wir (parallel zum legendären Shure Vocal Master) unsere erste mobile PA-Anlage, schnell gefolgt von unseren allerersten Mixern EM (Ensemble Mixer) und PM (Professional Mixer, PM200)", so Miyawaki weiter.
So richtig startete die PM-Reihe 1974 mit dem PM1000. "Von nun an wurden wir in der professionellen Audiowelt wahrgenommen. Innerhalb eines Jahres hatte sich das Pult bei Rockbands etabliert, und bei vielen Tourneen wurde auf den Ridern ein PM1000 verlangt. Überdies kamen zahlreiche PM1000-Konsolen bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 1976 in Montreal zum Einsatz. Im selben Jahr brachten wir mit dem P2200 auch unseren ersten professionellen Leistungsverstärker auf den Markt."

Zwei Jahre danach erblickte dann das PM2000 das Licht der Welt. Mit 146 Kilogramm Gewicht bei nur 24 Kanälen erwarb das Pult bald den Ruf, ein unbezwingbares Schwergewicht zu sein.
"Das PM2000 war selbst Weltklasse und wurde daher auch bei vielen Weltklasse-Touren verwendet. Mit dem Pult hatten wir unsere Meisterprüfung im Livemixerbau abgelegt." Die Bauweise mit acht Bussen, acht Auxwegen und acht Matrix-Kanälen hätte zudem Maßstäbe für nachfolgende Modelle gesetzt, fügte Miyawaki noch hinzu. Aber Yamaha ruhte sich keineswegs auf seinen Lorbeeren aus, sondern blieb weiter innovativ und sprengte immer wieder die Grenzen des technisch Machbaren.
"1985 kamen wir mit dem PM3000 heraus - die erste Live-Konsole mit VCAs. Zu diesem Zeitpunkt hatten einige Recording-Pulte VCAs, aber Live-Konsolen hatten sie nicht. Als wir diese japanischen Live-Tonleuten präsentierten, waren einige skeptisch. Es hatte Gerüchte um die VCA-Schaltkreise gegeben. Angeblich sollten diese den Sound stark färben und Latenzen erzeugen. Aber das war alles Einbildung - Angst vor dem Unbekannten. Nach spätestens drei Monaten waren alle glücklich und zufrieden mit dem PM3000 und seinen VCAs. Und genau so ging es vielen anderen Tonleuten auch. Das PM3000 hat sich wohl öfter als 1200 Mal verkauft - und einige Exemplare sind heute noch in Gebrauch."
Yamahas Auseinandersetzung mit analogen Mixern entwickelte sich weiter und passte sich an die immer anspruchsvolleren Erfordernisse der Branche an.
"In den frühen 90er-Jahren waren für Bands und Konzerte 48 Input-Kanäle keine Seltenheit mehr. Zum Beispiel hatte man Schlagzeuge einst mit maximal fünf Mikrofonen abgenommen. Nun kam man bei großen Konzerten schnell auf 16. Also entwickelten wir mit dem PM4000 unsere erste Konsole mit 48-Kanal-Option. Und im Jahr 2003 brachten wir das PM5000 auf den Markt. Der Arbeitsname des Pultes war CODA (deutsch: Koda - der letzte Teil eines Musikstückes). Es sollte unsere letzte große Analog-Konsole werden - und wir hatten hart für ihren anerkannt hochkarätigen Sound gearbeitet."

Yamaha war lange klar gewesen, dass die Zukunft der Digitaltechnik gehört. Die Firma gehörte in den 80ern nicht nur zu den Entwicklern der digitalen Steuerschnittstelle MIDI, sondern die Ingenieure sammelten auch Erfahrungen bei der digitalen Signalverarbeitung. "1986 stellten wir das digitale Multieffektgerät SPX90 vor, welches auf Yamahas erster DSP-Chip-Generation basierte, dem DSP1. Wir hatten in den späten 50ern erste Transistoren für unsere Electone-Orgeln gebaut und diese 30 Jahre später so stark weiterentwickelt, dass wir innovativste DSP-Technologie auf den Markt bringen konnten." Diese eigenen DSPs wurden bald nicht mehr nur in Effektgeräten, sondern auch in Mischpulten eingesetzt.
"Die Erfindung von MIDI bedeutete eine radikale Veränderung für Keyboard-Spieler. Sie begannen, Master-Keyboards zu benutzen, von denen aus über MIDI und Programmwechselbefehle Klangerzeuger angesteuert werden konnten. Aber es gab ein Problem. Lautstärke-Pegel, EQ- und Effekt-Einstellungen konnten nicht automatisch eingestellt werden. Etwa zur selben Zeit verlangten auch Live-Toningenieure nach Mixern mit automatischer Parametereinstellung. Und zwar Song für Song und Band für Band. Als Antwort auf die vielen Nachfragen veröffentlichten wir 1987 mit dem DMP7 unser erstes Digitalpult."
"Es handelte sich um ein kleines Pult mit nur acht Kanälen und zwei Mikrofon-Preamps - aber es gab immerhin drei interne Effekte, motorisierte Fader und viele andere neuartige Funktionen. Unsere Konkurrenten wurden dabei eiskalt erwischt. Zur Markteinführung bei der InterBEE-Show in Japan strömten die Ingenieure der Firmen, die ebenfalls an der Entwicklung von Digitalpulten arbeiteten, zu unserem Stand, testeten das DMP7 und waren sehr erstaunt über seine geringen Ausmaße. Und tatsächlich hatten viele vorher die Existenz des Produkts in Frage gestellt. Es gab wirklich viel Aufregung!"
Natürlich hatte das DMP7 noch kleine Mängel. Insbesondere die AD/DA-Wandler waren zu der Zeit noch recht schlicht, und der Signal-Rausch-Abstand - er lag bei 90 dB - stellte ein Problem dar. "Aber die Klangqualität in der digitalen Domain war gut genug. Also entwickelten wir eine durchgehend digitale Version und debütieren ein Jahr später mit dem DMP7D, welches digitale I/Os hatte."

Nicht jedes Produkt war ein Hit. Zum Beispiel handelte es sich beim digitalen 8-Spur-Mixer/Rekorder DMR8, vorgestellt 1990, um eine durchaus mit Bedacht spezifizierte 20-Bit-Maschine mit einem fixierten Tonkopf. Sie zielte dabei auf Musiker ab, die davon träumten, zu Hause ein professionelles Studio aufzubauen. Aber die überlegene Technik dieses Gerätes war für Musiker zu teuer. "Die Investitionen in dieses Produkt zahlten sich in finanzieller Hinsicht zunächst nicht aus. Aber wir konnten dabei eine Menge lernen." Der große Gewinn folgte später mit der DMC1000-Mix-Konsole. "Professionelle Tonleute erwarteten von Yamaha ein Konkurrenzprodukt zum Sony PCM3324/3340 oder Mitsubishi X850. Das DMC1000, welches mit dem DSP2 die zweite Generation DSP-Chips verwendete, war die Antwort darauf. Das Pult wurde von der Branche willkommen geheißen. Die Deutsche Grammophon orderte gleich 20 Stück für ihre mobilen Aufnahmesysteme."

Danach war das Tempo bei den Entwicklungen atemberaubend - und es kam der endgültige Durchbruch am Markt. Der ProMix01 - die auf das DMP7 folgende neue Generation Mischpulte, kam 1994 heraus. Das Pult zielte auf Live-Mischungen, fand aber auch viele Abnehmer in der Studioszene. "Die Nachfrage aus der Studiobranche war so stark, dass wir die Konsole noch mit einem 2-Track-SPDIF-Anschluss ausstatteten. Der ProMix01 wurde in beiden Bereichen, Live und Studio, sehr gut angenommen. Er wurde zu einem wichtigen Produkt, das einen Weg einschlug, auf dem wir uns heute noch befinden."
Nachdem ADAT die Aufnahmemethode revolutioniert hatte, war die Nachfrage nach einem rein digitalen System hoch. "1995 brachten wir das 02R heraus und verwendeten erstmals die offene YGDAI-Architektur (Yamaha General Digital Audio Interface), was sich als eine sehr gute Idee erwies. Im Zuge dessen entwickelten wir die dritte Chip-Generation, den DSP3. Bei dem Baustein handelte es sich um den ersten LSI-Chip (Large-Scale Integration), der auf Audiomischungen spezialisiert war. Gefertigt wurde er eigens für das 02R, und er war in der Lage, acht Kanäle mit vollen Mixfunktionen inklusive EQ und Dynamics zu berechnen. Vom 02R wurden weltweit mehr als 22.000 Stück verkauft. 1997 folgten mit dem 03D und dem 02RV2 Yamahas erste Konsolen für Surround-Mischungen. 1998 erschien das 01V, der Nachfolger des ProMix01.
Die Zeit war reif für die Entwicklung des PM1Ds, Yamahas erste großformatige digitale Livekonsole. "Das war eine große Herausforderung für uns. Es handelte sich nicht nur um eine Konsole, sondern um ein vernetztes Audiosystem. In seinem Mittelpunkt befanden sich eine DSP-Engine, I/O-Boxen und ein Bedienpult. Diese Geräte wurden sternförmig verbunden. Und das PM1D war das erste Mixing-System der Welt, bei dem das Stagebox-Konzept zur Anwendung kam."

Es funktionierte - und das tut es noch. "Wir visieren normalerweise einen sieben Jahre dauernden Zyklus für unsere analogen PM-Konsolen-Modelle an. Ich bin ziemlich stolz darauf, dass diese acht Jahre alte Digitalkonsole noch immer erhältlich ist!"
Und die Innovation geht weiter unbeirrt ihren Weg. Im Jahr 2000 kam die DME-Reihe auf den Markt, zwei Jahre später das DM2000, das 02R96 und die PC0N-Leistungsverstärker. 2004 folgten DM1000, 01V96 und SPX2000, und zwar an der Seite des PM5Ds und der DMEs 24N und 64N. Alle diese Geräte sind bis heute Marktführer. Inzwischen erschloss Yamaha mit der Installations-Lautsprecher-Serie, die 2005 herauskam, neue Märkte.
Die Technologie und die Bauweise von Yamahas Commercial-Audio-Produkten werden ständigen Verbesserungen unterzogen. Man achte auf die Ergonomie des eleganten M7CLs oder auf das erstaunliche Preis-Leistungs-Verhältnis der LS9-Reihe. "Wir haben gerade mehrere Jubiläen gefeiert: Seit 35 Jahren fertigen wir Analogmixer, seit 30 Jahren Leistungsverstärker und seit 20 Jahren Digitalmixer." Eigentlich, resümiert Miyawaki, fange man gerade erst an.
| 1972 | EM 60/90 |
| Erste Mischpulte | |
| 1974/5 | PM1000 |
| Eintritt in den professionellen Mischpult Markt | |
| 1976 | P2200 |
| Erste Endstufen | |
| 1978 | PM2000 |
| Einführung der 8 Busse/8 Auxwege/8 Matrixwege Architektur | |
| 1985 | PM3000 |
| Erstes Live Mischpult mit VCAs | |
| 1986 | SPX90, DSP1 |
| Digitale Effektgeräte & erster eigener DSP Chip | |
| 1987 | DMP7 |
| Erstes digitales Mischsystem | |
| 1988 | DMP7D |
| Alles digital, inkl. der Ein- und Ausgänge | |
| 1990 | DMR8 |
| Digitales Mischpult und Rekorder | |
| 1991 | DMC1000, DSP2 |
| Digitales Mischen für High End Studios | |
| 1992 | PM4000 |
| Unsere erste Alternative mit 48 Eingangskanälen | |
| 1994 | ProMix01 |
| Hat den Markt für digitales Mischen live wie auch für den Aufnahmebereich geebnet | |
| 1995 | 02R, DSP3 |
| mit offener YGDAI Interfacekartenstruktur und eigenem Chip ausschließlich für die Audiomischung | |
| 1997 | 03D, 02RV2 |
| Erste Konsolen, die Surround Mischungen erlaubten | |
| 2000 | PM1D, DME32 |
| Erste Generation großformatiger digitaler Live Mischpulte sowie der DME | |
| 2003 | PM5000 |
| our last analog large format console | |
| 2003 onwards | DM1000/2000, 02R96, PM5D, LS9, DME24N/64N, Tn series, TXn series... |
Fortsetzung folgt