PM1D V2 – Interview mit den Entwicklern


Zurück

Das PM1D, das erste große, ausschließlich für den Live-Betrieb vorgesehene Digitalmischpult war bisher außerordentlich erfolgreich, und zwar nicht nur als Pionier digitaler Live-Technologie, sondern auch als Schweizer Messer für Toningenieure und als herausragende Investition für seine Eigentümer. Bis zum März 2006 gingen über 700 Systeme des im Jahr 2000 eingeführten Pults über den Ladentisch. Und weil seine Kombination aus Qualität, Funktionsvielfalt und extrem einfacher Bedienung bis heute von keinem Mitbewerber getoppt werden konnte, verkauft sich das PM1D auch weiterhin hervorragend.

Als das PM1D herauskam, gab es durchaus Bedenken seitens potenzieller Käufer: Man fürchtete, dass es als ein auf Computertechnik basierendes Produkt in ein oder zwei Jahren durch einen billigeren und besseren Mixer ersetzt werden könnte und sich die Investition nicht rechnen würde. Doch solchen Befürchtungen zum Trotz läuft das PM1D noch immer wie geschmiert (im Gegensatz zum PC, den ich gekauft habe, um die Offline-Software zu betreiben). Zwar haben Yamaha und die Konkurrenz mittlerweile andere Mischpulte auf den Markt gebracht, doch keines davon kommt an die Qualität, die Funktionen und die Flexibilität des PM1D-Systems heran.

Mit dem PM1D wurde eine neue Mischpult-Ära eingeleitet. Der Mixer konnte permanent über Software-Updates verbessert werden, während das modulare Wesen der Hardware dafür sorgte, dass die analoge Audiotechnik des Pultes (wie zum Beispiel die Mikrofon-Vorverstärker) problemlos erweitert oder ausgetauscht werden konnte. Yamaha verfolgte diese Idee konsequent, und so kam es, dass seit der Veröffentlichung der Version 1.0 zahlreiche Funktionen verbessert und hinzugefügt wurden. Nichtsdestotrotz geht die V2-Version noch einen Schritt weiter…

Taku Nishikori, ein Mitglied des Original-PM1D-Software-Teams und heute Manager des "EUCASC European Support Centre" sowie Tree Tordoff, Yamaha Produktspezialist, sprachen mit Mick Okabayashi und Masaru Aiso vom PM1DV2-Software-Team.

   

Masaaki “Mick” Okabayashi.
Product Producer für das PM1DV2
und "das Gehirn" hinter dem System.

Folgende Personen sorgten dafür, dass das PM1D über Software-Verbesserungen wettbewerbsfähig bleibt:

 
  Collaborateurs;
Masaru Aiso
Chief Software Engineer.
 
  Takamitsu Aoki
Software Engineer.
 
  Akio Suyama
Software Engineer.
 
  Daisuke Miura
Software Engineer.
 
  Kotaro Terada
Software Engineer.

Sie alle waren mit der Entwicklung der Original-Software des PM1D betraut, aber sagen Sie mir bitte nun, was sich von der Markteinführung des PM1D im Jahre 2000 bis zur Veröffentlichung der PM1D-Version 2 verändert hat?

Der Bau des PM1Ds an sich gibt schon eine lange und aufregende Story her. Aber anstatt nach der Vollendung der Version 1 des PM1Ds einfach so weiterzumachen wie bisher, begannen wir mit einer ganz neuen Arbeitsweise, indem wir in besonderer Weise auf das Feedback unserer Kunden hörten. Es gab zwar ein paar kleine Bugs, die uns hindurchgeschlüpft waren und nun behoben wurden, aber den Löwenanteil machte eine Flutwelle von Ideen der ersten User aus. Die Szenen-Recall-Fähigkeit und das Szenen-Management zum Beispiel gingen weit über das hinaus, was Toningenieure bisher gekannt haben – aber sobald sie darüber verfügen konnten, wollten sie diese Technik verfeinert und um neue Funktionen ergänzt haben. Alle Rückmeldungen der User wurden festgehalten und wir legten danach eine 'Wunschliste' an. Auf diesem Wege entstanden eine ganze Reihe von Version-1-Updates, in die User-Vorlieben und Ideen zur Benutzerfreundlichkeit einflossen, bis ein Niveau erreicht wurde, das selbst den Anforderungen der weltweit anspruchsvollsten Toningenieure gerecht wurde.
Die aktuelle V1.7 ist ein extrem ausgereiftes Produkt. Der Punkt ist, dass wir die Rückmeldungen der Kunden nutzen, um die Entwicklung in eine bestimmte Richtung voranzutreiben, und um einen Mixer zu bauen, den die Leute wirklich wollten. Anders hätte das auch gar nicht geklappt, denn selbst mit mehr Mitarbeitern und mehr Zeit hätten wir nicht vorausahnen können, dass es einen Bedarf an Funktionen wie "Tracking Recall" oder "Partial Recall Safes" gibt.

Gab es in den vergangenen fünf Jahren irgendwelche Hardware-Upgrades, um PM1DV2 zu ermöglichen?

Nein, überhaupt nicht. Es erwies sich im Nachhinein, dass wir unglaublich vorausschauend gearbeitet hatten, und auch unsere Programmierarbeit war besser geworden. Tatsächlich beschlossen wir, keine schier endlose Reihe von Chip-Wechseln und Hardware-Upgrades vorzunehmen, weil ich glaube, dass solch opportunistisch zusammengeschusterte Upgrades bei professionellen Tour-Konsolen wie dieser nichts zu suchen haben. Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich als Toningenieur auf jeder Tour an neue Interface-Variationen gewöhnen; ein bestimmter Schalter ist nicht mehr da, wo er vorher war, oder es arbeitet gar eine Funktion nicht mit Ihrer Hardware-Version zusammen. So konnten wir nicht arbeiten. Wir wollten uns professionell verhalten und auch die ersten Käufer des PM1D weiter voll unterstützen.

Neben den Software-Neuerungen wurden allerdings auch einige Hardware-Optionen wie zum Beispiel die neue analoge LMY-Preamp-Karte entwickelt. Die neuen Vorverstärker wurden für unsere große Analogkonsole PM5000 gebaut, aber als man diese überall in höchsten Tönen gelobt hatte, wollten wir diese unseren PM1D-Eignern nicht vorenthalten. Zudem arbeiteten wir im Rahmen einer Partnerschaft mit der Firma Riedel an der Entwicklung einer Glasfaser-Lösung, dem Artist1D. Dieses Gerät stellt aufgrund seiner vielen Audio- und Steuerverbindungen zwischen Bedienteil und den Racks des Pultes einen echten Mehrwert dar.

In Anbetracht der vielen Verbesserungen an der PM1D-Software seit der Markteinführung im Jahre 2000: Was hebt die aktuelle Version 2 von den vorherigen ab?

Wie ich bereits erwähnte, gibt es im Moment die bereits sehr ausgereifte V1.7, die nicht nur Bugfixes beinhaltet, sondern auch das Ergebnis aus den Rückmeldungen vieler hochkarätiger Toningenieure aus allen Bereichen darstellt (Beschallung, Rundfunk, Theater, Musical etc.).
Doch die Zeit war reif, die Wunschliste noch einmal durchzugehen, um zu sehen, wie man den Mixer fernab aller ursprünglichen Erwartungen noch weiter verbessern könnte.

Der Anstoß für das Version-2-Konzept kam im April 2005. Wir wollten einfach einige zeitgemäße Technologien wie Eventlisten, zusätzliche Effekte, bestimmte PM5D-Funktionen etc. hinzufügen, die parallel zum PM1D in den vergangenen fünf Jahren entwickelt worden waren. Also kamen die Top-Programmierer, die schon an Version 1 gearbeitet hatten, erneut zusammen, um die PM1D-Version-2 zu erschaffen. Wir wollten einfach sicherstellen, dass auch die PM1D-Besitzer Zugang zu neuester Technologie erhalten würden, und dies ist eines der Dinge, auf das wird besonders stolz sind. PM1D-Systeme sind nach wie vor die erste Wahl für Toningenieure, und sie verdienen für die Investoren noch immer Geld.

Wer entscheidet darüber, wann mehr Funktionen bereitgestellt werden sollten und wer bestimmt diese Funktionen?

Masaru Aiso, Mick Okabayashi und ich hatten die Entscheidungsgewalt über alle V2-Funktionen. Wir pflegten unsere riesige Datenbank, die wir die 'Wunschliste' nannten, und die jedes Feedback enthielt, egal, aus welchem Teil der Erde dieses stammte (oder vielleicht auch von anderen Planeten…!). Diese Liste enthält Kommentare von allen Seiten, also nicht nur von Toningenieuren, sondern auch von Sales-, Marketing- und Produktmanagement-Leuten. Die meisten Einträge aber stammen von Kunden und Endbenutzern. Wir können natürlich nicht auf jeden Wunsch eingehen, was zum einen an unserem straffen Entwicklungszeitplan liegt und zum anderen daran, dass bei vielen Ideen die einfache Bedienbarkeit im Vordergrund stand. Wir denken stets als ersten qualifizierenden Schritt: "Warum braucht man diese Funktion?", weil ich denke, dass wir die Gründe für die Wünsche zunächst durch und durch verstehen müssen, um am Ende bei deren Verwirklichung einen echten Nutzen zu schaffen. Einfach nach und nach Features hinzuzufügen, ohne diese zu hinterfragen, dürfte ernsthafte Verwirrung stiften.

Ein PM1D-System ist eine ganz schön komplexe und umfangreiche Angelegenheit. War es wirklich notwendig, VCM-Technologie (Virtual Circuitry Modelling) an Bord zu haben, wenn man doch einfach ein SPX2000 außen anschließen kann?

Wenn es sich bei der VCM-Technik und den Zusatzeffekten einfach um ein paar SPX-Algorithmen handeln würde, könnte man das annehmen. Allerdings hat die VCM weit mehr zu bieten. Sie ist nicht nur eine 'Imitation' von Vintage-Instrumenten, sondern eine echte Schaltkreis-Simulation, die präzise jeden Widerstand, Transistor oder Kondensator einer Schaltung nachbildet. Das PM1D hat mit der V2 unter anderem eine sehr zuverlässige und Recall-fähige Vintage-Emulation bekommen, und einer der signifikanten Vorteile einer Digitalkonsole ist die vollständige Integration. Sie können also auf tonnenweise kniffelige Outboard-Geräte und Kabel verzichten – mal ganz abgesehen von der gesparten Aufbauzeit und der Betriebssicherheit, wenn alle notwendigen Signalverarbeitungen innerhalb des Gerätes stattfinden.

Gibt es irgendwelche Funktionen, die Sie eigentlich in V2 einbauen wollten, auf die Sie aber aus Zeit-, Geld- oder technischen Gründen verzichten mussten?

Nein, ich bin sicher, dass wir alle notwendigen Verbesserungen vorgenommen haben. V2 beinhaltet nicht nur große Neuerungen, sondern auch verschiedene kleine Optimierungen, mit denen wir uns gewissenhaft einzeln auseinandergesetzt haben.

Toningenieure sind selten begeistert, die ersten sein zu müssen, die eine neue Firmware antesten. Sie fühlen sich oftmals als unfreiwillige Beta-Tester Ihrer Produkte. Wie stark ist vor der V2 getestet worden, und werden Sie die Software in einer realen Situation, in einer Show zum Beispiel, ausprobieren?

Für uns bedeutet Software-Entwicklung nicht, einfach nur Codes zu schreiben. Tatsächlich testen wir Software Monate lang, bevor wir sie auf den Markt bringen, da wir unsere User auf keine Fall als 'Beta-Tester' betrachten! Falls Bugs gefunden werden, sind wir bestens aufgestellt, um diese zu beheben. Schließlich wird alles betriebsintern durchgeführt, wir sind also nicht von anderen Softwarefirmen abhängig. Selbst die Leute, die das Betriebssystem geschrieben haben, befinden sich hier im Gebäude. Diese Arbeitsweise ist mit einem großen Aufwand verbunden, aber unterm Strich erreichen wir bei unseren Produkten eine außergewöhnliche Betriebssicherheit und hohes Ansehen, was sich letztendlich sehr positiv auf die Zufriedenheit unserer Kunden auswirkt. Jede reale, nicht gestellte Show-Situation könnte zu delikat für unsere Testzwecke sein. Also bauen wir beim Erreichen unseres guten Rufs auf gründliche interne Tests. Ich kann jedem Kunden nur empfehlen, uns beim Ausprobieren der neuen Firmware vollends zu vertrauen.

V2 ist das erste kostenpflichtige Firmware-Update für das PM1D. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn der Kunde dieses dennoch gratis einfordert, weil es sich ja "nur um Software" handele?

Software ist NICHT umsonst und das kann auch nicht so sein. Tatsächlich stellt die Software einen der teuersten Posten bei der der Entwicklung des PM1D dar. Jedes Unternehmen sollte einen angemessenen Rückfluss seiner Investitionen erwerben, um gesund zu bleiben. Das Software-Team, bestehend aus fünf Vollzeit-Mitarbeitern, und ich haben hier nicht nur über eineinhalb Jahre an der Software selbst gearbeitet. Die Errungenschaften basieren auch auf jahrelangen Entwicklungen und Überlegungen. Hinzu kommen zusätzliche Kosten für andere Entwickler aus den Bereichen Sales, Marketing und Support. Also entschlossen wir uns, einen bestimmten Betrag für die V2-Software zu verlangen (und selbst der ist in Anbetracht des betriebenen Aufwands ein echter Dumping-Preis!).

PM1DV2 ist fertig gestellt und auf mehr als 330 Konsolen läuft bereits V2. Was planen Sie nun? PM1DV3 oder einen ganz anderen Mixer?

Wir befinden uns stets im fortwährenden Progress und stellen uns immer neuen Herausforderungen. Wir suchen nicht einfach nur nach 'einer weiteren XX', sondern nach etwas Großem, was unseren Kunden völlig neue Welten offenbart. Ich für meinen Teil will mich auf etwas konzentrieren, wodurch die Bestände unserer Kunden an Wert gewinnen, etwas in Richtung PM1DV2, aber eben doch anders. Sehen Sie, bei Yamaha ist immer Bewegung. Ich glaube, wir haben schon Mixer gefertigt, bevor Daisuke überhaupt geboren wurde. Inzwischen haben wir Mitarbeiter rekrutiert, die jünger als unsere ersten Digitalmixer sind. Yamaha ist eine wunderbare Firma, und indem wir sorgfältig das Feedback unserer Kunden auswerten, neue Ideen und neue Leute einbeziehen, wissen wir immer genau, welches Projekt wir als nächstes auf den Weg bringen müssen.

Geschrieben von: Tree Tordoff vom Yamaha CA Support Centre Europe.
Tree hat eine lange Karriere als freier Toningenieur hinter sich und zählt zu den Pionieren bei der Verwendung von PM1D-Mixern. 2005 arbeitete er bei Yamaha als Produktspezialist für Digitalkonsolen.