Interview mit den Entwicklern des Yamaha LS9


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Yamahas aktuellstes Digitalmischpult für Live-Anwendungen trägt die Typenbezeichnung LS9 und ist seit September 2006 auf dem Markt. Dabei wurde mit dieser Konsole nicht etwa ein existierendes Yamaha-Produkt ersetzt, sondern eine ganz neue Kategorie von ultra-handlichen Pulten geschaffen, perfekt zugeschnitten auf die unerbittlichen Anforderungen der Live-Szene. Dennoch hat das LS9 mit anderen Yamaha-Livemischern eine Menge gemein: So verfügt das Pult zum Beispiel über parametrische, sehr präzise 4-Band-EQs, eigene Gates, zupackende Kompressoren, hochkarätige Effekte vom SPX2000, Szenenspeicher, Grafik-EQs sowie eine flexible Bus-Struktur mit zahlreichen Eingangskanälen, Ausgangskanälen, Bussen und Matrizen. Dabei werden mit dem LS9 alle diese Features zu einem unschlagbaren Preis angeboten.

Welche Leute zeichnen sich verantwortlich für die Umsetzung eines solchen Preisbrechers?
In Bezug auf die Kostenersparnisse mag man glauben, dass bei der Entwicklung des LS9s von der Buchhaltung der berühmt-berüchtigte Rotstift angesetzt wurde. Aber erstaunlicherweise war hier exakt das gleiche hochkarätige Team von Ingenieuren am Werk, dem wir auch das M7CL und das PM5D zu verdanken haben. Hätte die Finanzabteilung sich für eine Billiglösung entschieden, wäre die Geschichte des LS9 bestimmt anders ausgegangen. Es ist nicht schwer, sich einen anderen Weg zu einem billigen Digitalmixer vorzustellen, zu einem Pult von niederer Qualität, dessen Preamps nicht Recall-fähig sind und der über minderwertige Effekte verfügt. Man kann das ganze auch noch weiter spinnen: Der Mixer hätte vielleicht eine starre I/O-Konfiguration, ließe keine MY-Karten zu, hätte weniger Outputs und schon gar keine Matrix, ein adaptiertes Standard-Betriebssystem von einem PC, billige Fader, ein einfaches monochromes LCD-Display, keinen Studiomanager und ohnehin wäre das Gerät frei von jedweder Innovation. Das kann man so machen, klar, und natürlich wird noch reichlich Geld gespart, indem man das Pult außerhalb Japans fertigt, weit entfernt von jener Besessenheit für Qualität und Zuverlässigkeit, aber in einer Umgebung, wo Massenproduktion niedrigere Kosten herbeiführt.

Das Entwicklungsteam für die neuen Mixer hat seinen Sitz in Yamahas Hauptgeschäftsstelle in Hamamatsu, Japan. Mit der Hilfe von Taku Nishikori, der für mich übersetzte, sprach ich mit den einzelnen Team-Mitgliedern, um herauszufinden, wie und auch warum der neue Mixer zustande gekommen ist…

Tree: Yamaha hat die größte Produktpalette an Digitalmixern überhaupt. Warum brauchen wir noch einen?


Mick Okabayashi; "Ich nehme es übers Wochenende mit nach Hause!"
Mick: Live-Digitalpulte wie das PM1D, das PM5D und das M7CL sind bei mittelgroßen und großen Veranstaltungen sehr beliebt und bringen große Vorteile im Hinblick auf Audioqualität und Wirtschaftlichkeit mit sich. Wir wollten diese Vorteile auch in Bereiche der Veranstaltungs-Branche tragen, wo man entweder nicht das Budget oder nicht den Platz für die größeren Lösungen hat. Einige unserer bereits bestehenden Mixer-Konzepte wie das DM1000, das 01V96 oder das M7CL wurden bereits in solchen Umfeldern benutzt, aber es gibt Gründe in Bezug auf bestimmte Funktionen und Kosten, die in vielen Fällen für das LS9 sprechen. Yamaha verlässt sich sehr stark auf die außerordentlichen Fähigkeiten der eigenen Ingenieure. Die Idee, einen neuen Mixer in diesem Preissegment herzustellen, kam tatsächlich von meinen Kollegen aus der Entwicklungsabteilung. Wahrscheinlich hätte eine auf Marketing fokussierte Firma die Mixer der DM- oder 0-Reihe vorangetrieben, aber das LS9 ist im Gegensatz zu anderen kleinen Digitalmixern spezialisiert auf Live-Anwendungen. Das LS9 ermöglicht es neuen Kunden, alle Vorteile der Digitaltechnik zu nutzen. Dabei verfügt es über dieselbe Qualität und die gleiche mühelos erlernbare Benutzeroberfläche inklusive Selected-Channel-Prinzip und steht in allen diesen Punkten den anderen Digitalmixern aus unserem Hause in nichts nach. Mit dem LS9 ist uns etwas ganz Neues gelungen, und wir sind der festen Überzeugung, dass die Leute Gefallen daran finden werden.

Tree: Wann haben Sie das erste Mal an das LS9 gedacht?

Mick: Das war um Weihnachten 2004 (ich hab mir damals eine große Idee gewünscht!).
Wir folgten einem roten Faden vom Flaggschiff PM1D über das PM5D bis hinunter zum jüngsten Pult M7CL. Keiner von uns war der Ansicht, dass wir das Ende schon erreicht hätten. Also setzten wir uns zum Ziel, ein noch kleineres Digitalsystem auf den Weg zu bringen.
Damals gab es noch keine große Nachfrage für kleine Digitalsysteme. Dennoch erwarteten wir, dass Faktoren wie 'geringe Größe', 'geringes Gewicht', und 'geringe Einrichtungszeit' bei gleichzeitiger 'sehr guter Ausstattung', 'toller Audioqualität' und 'Hochkarätigkeit' von jedem begrüßt werden würden. Zugleich war nicht zu übersehen, dass unsere Digital-Konsolen inzwischen zur Norm bei größeren Veranstaltungen geworden waren. Wir zogen also den Schluss, dass es sich lohnen würde, den Musikmarkt um eine echte 'All-In-One'-Lösung zu bereichern. Zu hohe Kosten und auch technische Gründe verhinderten den Bau des Mixers jedoch damals. Heute aber haben wir ganz andere Voraussetzungen. Das Betriebssystem ist ausgereift, die DSP-Hardware steht und der Markt schreit nach einem solchen Pult. Und wir haben bei unseren Recherche-Arbeiten für das M7CL in der Branche gelernt, dass bei kleineren, fest installierten Beschallungsanlagen in den seltensten Fällen ein Vollzeit-Toningenieur zur Verfügung steht. Also bauten wir unterstützende Funktionen weiter aus und integrierten sie auch in das LS9; 'Total Recall' zum Beispiel oder das hierarchische Benutzer-Management (hier können beliebige Bereiche des Pultes über einen Passwortschutz gesperrt bzw. freigegeben werden). So kann das LS9 wie das M7CL entweder ein voll zugängliches, ausgefeiltes Gerät für den erfahrenen Toningenieur sein, oder aber es werden Teile der Konsole abgeschaltet, sodass es auf dem Level eines schlichten Analog-Mixers auch von Laien bedient werden kann.

Tree: Shinji Takahashi, Sie waren für die Entwicklung der Vorverstärker verantwortlich. Wodurch konnten Sie Kosten sparen?


Shinji Takahashi; "Das hier ist keine Raketentechnologie, es wurden einfach sehr gute Bauteile sehr gut zusammengebaut."
Shinji: Der Vorverstärker ist der analoge Bereich des Mixers und die Klangqualität des Pultes hängt zum großen Teil von der Güte der Preamp-Bauteile und seiner Schaltung ab. Ich fürchtete die Vorgabe, dass ich ohne Budget für hochwertige Bauteile einen guten Preamp hätte bauen sollen. Doch zum Glück ist der Projektleiter ein Ingenieur und kein Finanzbuchhalter! Wir haben in nunmehr 34 Jahren Pultherstellungs-Historie gelernt, dass man bei einem Produkt, das erfolgreich sein soll, weder bei der Benutzeroberfläche noch bei der Klangqualität Kompromisse eingehen darf. Das LS9 ist eine Neuentwicklung, basiert aber auf der Erfahrung, die ich bei der Arbeit am PM1D und am PM5D gesammelt habe. Ich hatte im Laufe der Projektentwicklung mit vielen Neuerungen zu tun, aber zunächst sorgten eine gut gelöste Erdung, eine saubere und kraftvolle Stromversorgung und sorgsam selektierte Bauteile für eine stabile Basis. Am Ende führten wir umfangreiche Hörtests durch. Die Prototypen wurden kurz vor Torschluss noch einmal präzise abgestimmt, und wir haben nun allen Grund, stolz auf das Ergebnis zu sein.

Tree: Ohne einen Touchscreen mussten Sie sicher auf ein paar beliebte Features verzichten?


Kotaro Terada; "Ein Tastendruck auf HOME – und schon ist man in der Hierarchie wieder ganz oben."
Kotaro: Nicht wirklich. Tatsächlich verwenden wir nach wie vor das bewährte Selected-Channel-Prinzip, sodass ein Bildschirm zum Drücken der Knöpfe gar nicht nötig wird. Der Monitor hilft nur, die Einstellungen der Fader zu erfassen. Das LS9 verfügt bezüglich EQs und Dynamics über die gleichen Features wie die größeren Mixer. Natürlich können Touchscreens bei Setup-Menüs sehr hilfreich sein, aber sie eignen sich nicht wirklich zum Mixen. Hierfür haben wir die Fader, Encoder und Hardware-Tasten.
Der Zugang zu einigen Dynamics-Parametern dauert im Einzelfall vielleicht etwas länger als mit einem Touchscreen, aber es geht immer noch schneller, als wenn man sich umdrehen muss, um ein externes Rack zu durchsuchen. Und schauen Sie sich unbedingt einmal meine Lieblings-Taste an: HOME. Mit einem Knopfdruck befinden Sie sich unverzüglich von jeder Ansicht aus wieder auf der Standard-Selected-Channel-Ebene.

Tree: Wieso gibt es keine DCAs?

Kotaro: Das LS9 ist als schlichtes 'Input-auf-Stereo'-Pult gedacht - anders als das M7CL, das im DCA-Stil bedient werden soll. VCAs sind bei einem Pult in dieser Preisklasse nicht üblich und wir glauben, dass viele User beim LS9 gar nicht mit DCAs rechnen werden. Allerdings könnte man das Gleiche auch von frequenzselektiven Noisegates und vielen anderen neuartigen Features behaupten, die wir dennoch eingebaut haben. Tatsächlich liegt es auch am Platz für Fader. DCAs benötigen definitiv zusätzlich zu den Inputs eine eigene Fader-Bank. Beim LS9 hätte man immer nur entweder das Input-Layer oder das DCA-Layer zeigen können, niemals beide zugleich. Um diese Einschränkung zu umgehen, haben wir beim LS9 eine Fader-Verlinkung eingeführt. Damit haben wir quasi DCA-Funktionalität ohne einen Summenfader. Ich empfehle, dies zu versuchen. Diese Methode ersetzt DCAs sehr gut, und ist leichter zu verstehen.

Tree: Auf welche Probleme sind Sie gestoßen, als es darum ging, das LS9-Pult so klein und leicht wie möglich zu fertigen?


Junji Endo; "Man kann nicht einfach die Fader näher zusammenrücken!"
Endo: Nun, das war wirklich eine furchtbare Erfahrung (lacht). Die Vorgabe 'klein und leicht' war tatsächlich eine große, schwergewichtige Herausforderung für uns. Ehrlich gesagt, konnte ich mir bei unserem ersten Teamtreffen beileibe keine 32-Kanal-Konsole von diesem Ausmaß und Gewicht vorstellen, denn es ist nicht so einfach, wie es scheint. Man kann nicht einfach die Fader näher zusammenrücken und das war's. Der Bau einer Digitalkonsole ist grundsätzlich sehr schwierig. Hier befinden sich empfindliche analoge Schaltkreise direkt neben störenden digitalen Baugruppen. Wir haben zwecks Analyse und Simulation der inneren Konstruktion viel Zeit mit 3D-CAD verbracht, um am Ende die Baugruppen so zu platzieren, dass sich diese nicht gegenseitig stören.


Ryuichi Izumi; "32 Kanäle, alle Funktionen – und eine Person kann sie alleine tragen!"
Izumi: Mit den Resultaten der Analyse baute ich den ersten Prototyp zusammen. Und obgleich die Analyse grundsätzlich prima funktionierte, weicht eine Computer-Berechnung immer von der Praxis ab. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Platinen modifiziert und gecheckt habe, um alle Anforderungen zu erfüllen. Aber am Ende ist diese süße kleine Konsole entstanden. Wer sonst kann eine 32-Fader-Konsole (mit maximal 64 Kanälen!) bauen, für die man niemanden mehr nerven muss, um sie durch die Gegend zu tragen?

Tree: Warum verfügt das LS9 über einen internen USB-Rekorder/-Player?


Hideki Hagiwara; "Mick wollte nicht rackweise Recording-Kram mit nach Hause nehmen."
Hagi: Digitalmixer haben sehr erfolgreich den Bedarf an externen Gerätschaften am Mixplatz reduziert. Sie haben eigene interne Effekte, GEQs und Dynamics, aber bis heute brauchte man immer noch irgendein Playback-Gerät, einen CD- oder Minidisk-Player. Nun ist das LS9 eine komplette Mix-Station! Tatsächlich haben wir schon vor einigen Jahren darüber nachgedacht, ein CD-R-Laufwerk oder etwas Ähnliches in eine Konsole einzubauen, aber wir zogen es vor zu warten, bis eine bequemere Technologie populär werden würde, und das ist MP3. Keine Frage, MP3 ist extrem bekannt geworden, jeder kennt es. In Bezug auf eine einfache Bedienung ist dies sehr wichtig. Die User müssen sich nicht erst mit einer großen Unbekannten abmühen - was sie ist und wie sie funktioniert. Nun kann ich das LS9 wirklich guten Gewissens ein 'All-In-One'-Gerät nennen.

Tree: Warum kann der Rekorder nicht in CD-Qualität aufnehmen?

Hagi: Ursprünglich hatten wir über andere Möglichkeiten nachgedacht, etwa Aufnahmen in einem unkomprimierten Format und nicht im MP3-Format. Aber ich wollte dafür sorgen, dass das Pult handlich und preiswert bleibt. Ich war der Überzeugung, dass die Leute nicht bereit gewesen wären, für so eine Funktion mehr Geld zu bezahlen, und es hätte nach jeder Show zu einer zu riesigen Datei von über 1 GB geführt. MP3 ist der perfekte Partner für das LS9. Es ist klein, preiswert und spart sehr effektiv Speicherplatz. Außerdem ist es eines der gängigsten Formate für das Webcasting. Praxistauglichkeit und Kosten bleiben hier also in einem guten Gleichgewicht.
Abgesehen davon ist uns klar geworden, dass die Bitrate nicht alles über die Klangqualität aussagt. Haben Sie schon mal einen MP3-Rekoder/Player mit professionellen Preamps und eingebauten Kompressoren, Effekten, GEQs etc. betrieben? Sie werden es genießen…

Tree: Über welche Innovationen verfügt das LS9 noch?

Mick: Das LS9 wurde mit all den Kenntnissen gebaut, die sich hier beim Bau von Digitalkonsolen wie dem M7CL oder dem PM5D in den vielen Jahren angesammelt haben. Wir hätten dieses Pult ohne die Entwicklung der anderen Konsolen gar nicht bauen können. Was die großen Durchbrüche in Sachen Technik angeht, so sind die Neuerungen bei diesem Pult eher erdiger Natur, aber es sind die kleinen Innovationen, die hier die Musik machen. So wurden beim Bau die interne Verkabelung reduziert sowie konsequent auf Verbesserungen in den Bereichen Zuverlässigkeit, Einrichtungszeit und Kosten gesetzt. Wir führten außerdem erstmals einen neuen Yamaha-Chip am Ethernet-Anschluss ein, der zum einen schneller kommuniziert und zum anderen über Auto-MDiX verfügt, sodass sowohl normale als auch Cross-Patchkabel für die Studiomanager-Anbindung verwendet werden können. Das Entwicklungsteam hat wahre Wunder vollbracht, indem es das Pult so klein, leicht und für den Kunden preiswert gefertigt hat, ohne an unseren hohen Ansprüchen bezüglich Qualität und Zuverlässigkeit zu kratzen.
Übrigens gibt es noch diverse neue Funktionen im LS9. Nur so als Beispiel: Im zweiten Layer versteckt sich noch ein weiterer Satz Input-Kanäle. Und diese eignen sich nicht nur zum Erweitern der Kanäle. Wenn man alle Preamp-Inputs nicht nur mit den Kanälen des ersten Layers, sondern auch mit denen des zweiten Layers verpatcht, kann auf diese Weise zum Beispiel ein zweiter Mix für das Recording angefertigt werden. Außerdem könnte ein Mix für FOH und ein weiterer für die Bühne von einer einzigen Konsole aus erstellt werden. Solche unauffälligen und doch extrem nützlichen Extras haben wir unserer Erfahrung zu verdanken.

Tree: Das LS9-Pult ist fertig. Woran werden Sie nun arbeiten?

Mick: Natürlich arbeiten wir fortwährend daran, unseren Kunden etwas Neues und Hochwertiges in die Hand zu geben. Ich bin zum Beispiel sehr stolz darauf, an der DSP5D-Erweiterung zu arbeiten, die unseren PM5D-Usern noch mehr Möglichkeiten verschafft. Ich denke, wir werden uns auch in Zukunft auf integrierte Produkte konzentrieren, die wie die LS9-Konsople ein echtes 'All-In-One'-Konzept verfolgen. Yamaha ist der einzige Hersteller, der hochwertige Mischpulte neben DSP-Prozessoren, Verstärkern und sogar Lautsprechern anbietet. Statt hier und da vereinzelt Schnickschnack herauszubringen, der nicht miteinander harmoniert, werde ich mich in Zukunft noch mehr darauf konzentrieren, mit kompletten, symbiotisch verwobenen und hochwertigen Systemen an den Markt zu gehen. Eben Systemen, die genau sind wie unser Entwicklungsteam…

Das Interview wurde von Tree Tordoff vom Yamaha CA Support Centre Europe geführt.
Tree wurde im Jahr 2005 nach einer langen Karriere als Freier Toningenieur Produktspezialist für Digitalkonsolen bei Yamaha. Er gehörte zu den ersten Benutzern des PM1Ds.